Ein Sommerabend voller Geschichten
„Stulle, Schnaps und Patersbier“ im Kloster Wiedenbrück

Wer glaubt, ein Kloster sei ein stiller Ort ohne Überraschungen, wird bei dieser Klosterführung eines Besseren belehrt.

Ein sonniger Sommerabend, beste Stimmung und ein Kloster voller spannender Geschichten: Die Führung „Stulle, Schnaps und Patersbier“ am Freitag, 10. Juli, machte ihrem ungewöhnlichen Namen alle Ehre.
Schon vor dem offiziellen Beginn lag eine besondere Atmosphäre über dem Kloster. In der Bauernstube, in der der Abend später ausklingen sollte, waren die Tische bereits liebevoll gedeckt, während im Hintergrund noch fleißig vorbereitet wurde. Erst wenige Stunden zuvor war das Gerüst am Kloster entfernt worden – ein sichtbares Zeichen dafür, dass die Arbeiten am Dachbodenausbau gut voranschreiten.

Köstlicher Einstieg im Klostergarten

Pünktlich um 19 Uhr trafen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Klostergarten. Dort begrüßten die beiden Klosterführer Michael und Wilhelm ihre Gäste herzlich. Zum Auftakt gab es eine besondere Überraschung: einen selbst hergestellten Himbeer-Dessertwein, serviert in einem kleinen Waffelbecher. Das fruchtige, angenehm milde Getränk wird von einem freiwillig Engagierten hergestellt und ist auch im Klosterladen erhältlich – ein köstlicher Einstieg in den Abend.

Zunächst berichteten Michael und Wilhelm über die laufenden Bauarbeiten und die Pläne für den Dachbodenausbau. Anschließend führte der Weg durch den Klostergarten bis zum Kreuz. Hier erfuhren die Gäste Wissenswertes über die Geschichte des Gartens und das große Engagement der vielen Freiwilligen, die ihn pflegen. Auch die Entwicklung des ehemaligen Franziskanerklosters zu einem genossenschaftlich getragenen Projekt wurde anschaulich erläutert.

Alte und neue Kunst

Beim Betreten des Klosters fiel der Blick zunächst auf die alten religiösen Gemälde am Treppenaufgang. Wilhelm erläuterte ihre Bedeutung und ließ die mittelalterliche Kunst in neuem Licht erscheinen – im wahrsten Sinne des Wortes, denn das warme Abendlicht verlieh den Darstellungen eine besonders eindrucksvolle Atmosphäre.

Nur wenige Schritte weiter setzte sich dieser Kontrast zwischen Vergangenheit und Gegenwart fort. Im hell modernisierten Klosterflur sind derzeit Werke der Künstlerin Nellja Wagner zu sehen. Noch bis zum 30. Juli 2026 zeigt sich hier, wie selbstverständlich historische Architektur und zeitgenössische Kunst miteinander harmonieren.

Bücher, Geister und andere Geheimnisse

In der Bibliothek öffnete sich den Gästen eine Welt aus mehreren Jahrhunderten. Zwischen historischen Büchern, aufwendig gestalteten Handschriften und seltenen Werken zeigte sich, wie vielfältig der Buchbestand des Klosters ist. Für ein Schmunzeln sorgte ein altes Buch über das Austreiben böser Geister – offenbar war man im Kloster auch auf besonders hartnäckige Fälle vorbereitet.

Was eine Milchkanne alles erzählen kann

Im nahezu original erhaltenen Refektorium ließ sich noch gut erahnen, wie die Brüder früher gemeinsam ihre Mahlzeiten einnahmen. Michael und Wilhelm erzählten von den Abläufen und dem klösterlichen Alltag – und bewiesen ganz nebenbei, dass selbst eine alte Milchkanne eine bemerkenswerte Geschichte erzählen kann. Welche das ist, erfahren die Gäste natürlich erst während der Klosterführung.

Nach so vielen Eindrücken kam der kurze Zwischenstopp in der Bauernstube gerade recht. Bei einem Klostertröpfchen konnten die Gäste kurz durchatmen, bevor es zurück in den Klosterflur ging. Dort wartete bereits das nächste unscheinbare Fundstück mit überraschender Vergangenheit: eine Glocke, über deren Geschichte an dieser Stelle ebenfalls besser geschwiegen wird.

Der Status der Brüder – ganz ohne App

In der ersten Etage zog zunächst ein kunstvoll geschnitztes Anwesenheitsbrett die Blicke auf sich. Jeder Bruder hatte dort seinen festen Platz, und mit kleinen Schildern ließ sich auf einen Blick erkennen, wer im Kloster war und wer unterwegs. Ein pfiffiges System – und gewissermaßen der Klosterstatus lange vor Smartphones und digitalen Kalendern.

Nur wenige Schritte weiter wurde das frühere Leben der Brüder noch greifbarer. Das original eingerichtete Zimmer eines handwerklich besonders begabten Bruders erzählte von einem Mann, der nicht nur schneiderte, sondern sogar Puppen anfertigte. Sein Porträt hängt noch heute an der Wand.

Auch die franziskanische Kutte gab mehr preis, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Michael erklärte die Bedeutung der drei Knoten und würzte seine Ausführungen mit kleinen Rätseln, kuriosen Details und viel Humor.

Der Weg führte schließlich weiter in Richtung Patersbogen. Dabei wurde deutlich, welche Funktion dieser besondere Zugang einst hatte und wie eng Kirche und Kloster miteinander verbunden waren.

Hier wächst etwas Großes

Mit besonders großer Spannung wurde anschließend der Dachboden erwartet. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wollten unbedingt einen Blick in die Räume werfen, die sich derzeit noch im Ausbau befinden. Viele zeigten sich überrascht von ihrer Größe und den vielfältigen Möglichkeiten, die hier künftig entstehen sollen. Michael und Wilhelm berichteten vom aktuellen Stand der Bauarbeiten und den geplanten Nutzungen. Auch die Frage nach der Barrierefreiheit wurde beantwortet – sie spielt beim Ausbau eine wichtige Rolle.

Nach dem Dachboden führte die Führung in das frühere Wohnzimmer der Brüder. Welche Gesellschaftsspiele spielten sie? Welche Musik hörten sie? Und was verbarg sich in der alten Schrankwand? Die Antworten sorgten für viele erstaunte Gesichter und manches Schmunzeln.

Immer wieder zeigten Michael und Wilhelm mit kleinen Anekdoten, wie eng das Verhältnis zwischen den Franziskanern und den Wiedenbrückern einst war. Da reicht manchmal schon der Besuch einer Apotheke, um zu verstehen, welchen Stellenwert die Brüder in der Stadt hatten. Mehr sei an dieser Stelle jedoch nicht verraten – schließlich lebt die Führung gerade von den überraschenden Geschichten, den ungewöhnlichen Fundstücken und den vielen kleinen Geheimnissen, die sich hinter den Klostermauern verbergen.

Endlich Stulle und Patersbier

Zum Abschluss traf sich die Gruppe erneut in der Bauernstube. Dort warteten liebevoll angerichtete Stullen, eine reichhaltige kalte Platte und natürlich ein kühles Patersbier – an diesem warmen Sommerabend eine besonders willkommene Erfrischung.

Außerdem wurde das Klostertröpfchen vorgestellt. Die Gäste erfuhren mehr über seine Geschichte und darüber, wie das Veranstaltungsformat „Stulle, Schnaps und Patersbier“ entstanden ist.

Eigentlich war die Führung damit beendet. Doch niemand schien es eilig zu haben. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten noch zahlreiche Fragen – zum heutigen Betrieb des Klosters, zur Genossenschaft und zu den aktuellen Bauprojekten. Fast anderthalb Stunden lang wurde weiter gefragt, erzählt und gelacht.

Michael und Wilhelm beantworteten jede Frage mit großem Fachwissen, spürbarer Begeisterung und einer gehörigen Portion Humor. So verging die Zeit wie im Flug.

Am Ende blieb der Eindruck eines heiteren Sommerabends, an dem Geschichte nicht nur erzählt, sondern erlebbar wurde. Wer das Kloster Wiedenbrück einmal von einer ganz anderen Seite kennenlernen, hinter sonst verschlossene Türen blicken und dabei Geschichte, Gastfreundschaft und gute Gespräche erleben möchte, sollte sich die nächste Führung „Stulle, Schnaps und Patersbier“ nicht entgehen lassen.